Apple ändert ‘Game-Center’-Geschäftsbedingungen und legt Realnamen offen

Wer am 30. November 2010 nach 0 Uhr nichts Böses ahnend und in Erwartung eines schnellen Multiplayer-Spielchens Apples Game-Center-App anwarf, wurde nicht automatisch auf seinem dazugehörigen Account eingeloggt wie üblich, sondern mit neuen “Allgemeinen Geschäftsbedingungen” beziehungsweise “Game Center Dienstleistungsbedingungen” konfrontiert, die’s in sich haben.

Darin hieß es im Originalton gleich an erster Stelle:

WICHTIGER HINWEIS: Wir haben die Game Center Geschäftsbedingungen geändert, um Sie darüber zu informieren, dass beim Versenden einer Einladung an einen Freund der volle Name, welcher mit Ihrer Apple ID verbunden ist, dem Empfänger offengelegt wird. Wenn Sie eine Einladung eines Freundes akzeptieren, wird der volle Name, der mit Ihrer Apple ID verbunden ist, dem Versender offengelegt.

Danach folgten weitere zehn Seiten (die sich übrigens bei einer späteren Kontrolle meinerseits am 4. Dezember 2010 wie durch Geisterhand auf dreizehn Seiten vermehrt haben) Bedingungen und Drohungen (PDF siehe unten), ohne deren Akzeptanz durch Betätigen einer entsprechenden virtuellen Schaltfläche kein Einloggen ins Game Center möglich war.

Lesenswert auch die üblen Verheißungen, was passiert, sollte man es wagen, sich in dieser sozialen Spiele-Sandkiste hinter falschen Identitäten zu verstecken. Dazu ein kurzes Posting aus dem touch-Arcade-Forum, damit trotz dieser unschönen Angelegenheit auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Leider waren meine Notare und Rechtsanwälte, Security- und Privacy-Berater sowie die Datenschutzbeauftragten der Bundesregierung gerade nicht erreichbar.

Bildquelle: touchArcade.com

Bildquelle: touchArcade.com

Das U.S.-Spieleportal touchArcade hat das testweise akzeptiert, und nun sehen Bestätigungen auf Freundschaftsanfragen so aus wie dahier abgebildet. Der echte und reale Klarname (“Apple-ID”) wird in Klammern hinzugefügt. Keine gute Idee.

Artikel dazu: Apple Updates Game Center ToS to Include Use of Real Names. (Terms of Service.)

Man verspricht bei touchArcade, die Angelegenheit weithin scharf zu beobachten, – außer bei solchen Anfragen dürften bisher nach Bestätigung der neuen Geschäftsbedingungen keine Realnamen offengelegt worden sein. Unklar ist, wie sich Game Center diesbezüglich bei Mehrspieler-Anfragen verhält (siehe “Vorsicht”-Bildschirmfoto ganz oben in diesem Rossau-Posting).

Wer also gerne auf den iKonsolen spielt, von den Möglichkeiten des Game Center (das mit iOS-Version 4.1 am iPhone und erst vor ein paar Tagen mit iOS 4.2.1 am iPad eingeführt wurde; Links zu den Rossau-Berichten unten) Gebrauch machen und dabei lieber anonym bleiben möchte, sollte diese neuen Geschäftsbedingungen von Apple auf keinen Fall akzeptieren!

Ich empfehle das dringend, außer man beschränkt sich wirklich und konsequent für alle Zukunft auf einen engsten Freundeskreis von persönlich bestens bekannten und vertrauenswürdigen Personen!

Habakuks dringende Empfehlung: NICHT zustimmen!

Habakuks dringende Empfehlung: NICHT zustimmen!

Damit fällt das Game Center und seine durchaus interessanten und spannenden Austattungsmerkmale von einer Sekunde auf die andere flach. Frust statt Amusement! Tolles Game Center! :(

Das ist ausgesprochen schade, denn besonders die attraktiven Mehrspieler-Optionen mancher Spiele funktionieren ohne das Game Center nicht. Für Spielstände und Sonderwertungen (Achievements, “Erfolge” auf Apple-Deutsch) stehen schon seit vielen Monaten die Vorgänger/Alternativen wie OpenFeint, Plus+, Agon (Dritthersteller-Organisationen, die den Entwicklern zur Verfügung stehen) oder von den Spieleherstellern selbstgeschnitzte Online-Tabellen zur Verfügung, die nun wohl wieder Aufwind erfahren werden; dort war und ist jedenfalls von einer Offenlegung der Realnamen keine Rede.

Habakuks Kommentar

Statt Unterhaltung zu mitternächtlicher Stunde plötzlich Paragraphen und Juristengeschwafel…

Unglaublich! Unerhört! Ein Vertrauensmissbrauch fast schon auf Fa****ok-Niveau mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass deutlich darauf hingewiesen wurde. Trotzdem ein fettes Minus für Apple!

Ein gewaltiger Rückschritt in Sachen Privatsphäre und Datenschutz, der besonders für jüngere Benutzer (trotz tief in Apples AGBs versteckter Warnungen, s. u.) richtig gefährlich werden kann. Die einschlägigen Foren und Sozialen Netzwerke wie Twitter etc. sind seit der Game-Center-Inbetriebnahme voll von “add me”-Threads mit Nicknames (anonyme Freundschaftsanfragen, etwa um bei Multiplayer-Games eine größere Auswahl an Gegnern zu haben; zum Beispiel bei touchArcade oder MacUser.de), und es wird wohl kaum eine oder einer von denen behaupten können, jede und jeden aus ihrer oder seiner Freundesliste persönlich und ausreichend gut zu kennen.

Bisher gibt es keinerlei näheren Erklärungen seitens des Computerkonzerns; es herrscht allseits völliges Unverständnis für diesen in keinster Weise angekündigten Schritt in einer Nacht & Nebel-Aktion. Okay, soviel Wirbel wie bei den Beatles wäre vielleicht nicht nötig gewesen, aber zumindest eine Aussendung oder Erwähnung in der Game-Center-Hochglanzbroschüre (Link s. u.). Es wird ja auch sonst über jedes kleinste Lüfterl, das der prominente CEO oder einer seiner Lakaien entfacht, bedeutendes Aufheben gemacht.

Außerdem finde ich diese unfreundlichen und völlig überraschenden “Friss, Vogel, oder stirb”-Aktionen schockierend, um nicht zu sagen eine Frechheit, so etwas geschah schon beim letzten iTunes-Update. Nicht gerade die feine englische Art. Man kommt sich vor wie ein Untergebener, der die neuen Vorschriften vom Chef gefälligst lückenlos und auf der Stelle zu befolgen hat, sonst gibt es keinen Pudding zum Nachtisch.

Wie ein Haufen Unmündiger, der erzogen und maßgeregelt werden muss (wenn’s nur das wäre…). Von wegen “der Kunde ist König”.

All das betrifft übrigens in gleichem Maße Apples zweites neues distanzsoziales Netzwerk Ping (Rossau-Bericht I, II), das auch ohne Habakuks Mitgliedschaft auskommen muss, und wo es inzwischen ebenfalls Bedenken zur Sicherheit der Privatsphäre gibt. Nach Registratur bei Ping werden etwa alle in iTunes gepostete Rezensionen der User mit deren Realnamen versehen, wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet.

Der Computerspielehersteller Blizzard Entertainment gehört zu den bekanntesten, größten und erfolgreichsten Entwicklungsstudios der Welt und dürfte Mitte des Jahres mit einer ähnlichen Aktion schlechte Erfahrungen gemacht haben. Dazu Heise im Juli 2010:

Es ist eine ausgesprochene Unverschämtheit von Apple, aus heiterem Himmel und ohne Wenn und Aber zu dulden, wie eine Mischung aus einem Diktator und üblen Drogendealer aufzutreten! Zuerst ein paar Wochen die Kundschaft anfixen, dann plötzlich die Bestimmungen ändern. Auch die organisierte Kriminalität (Wiki) arbeitet mit diesen Methoden.

Wenn das die schöne neue Welt des Hightech-Amüsements sein soll, lehne ich dankend ab. Schnüffeleien und Indiskretionen, Geheimnistuerei, Attitüden und Allüren, wie man sie sonst nur von absolutistisch agierenden Regimen gewohnt ist.

Klar, es geht nur um ein distanzsoziales Spielenetzwerk von einem Gadget-Hersteller (wobei es mit der erwünschten Distanz womöglich schneller vorbei ist, als man sich vorstellen kann), aber insgesamt zeigt diese “Politik” und Vorgangsweise einen sehr unschönen Trend auf, der sich allerorten im Internet breitzumachen scheint, und der mehr Sprengkraft in sich birgt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Gewünscht wird von der Industrie der gläserne Kunde. Der zahlende gläserne Kunde, der sich mit Klar- und Realnamen in der Öffentlichkeit oder Halböffentlichkeit präsentiert und zu einem kommerziellen Produkt bekennt. Das ist in Form solch rüder Zwangsmaßnahmen in Verbindung mit dieser raffinierten Verführungstaktik völlig unakzeptabel!

Man kommt sich richtig bescheuert vor, das Game Center einst willkommen geheißen, daran teilgenommen, unterstützt und beworben zu haben. Die einzige Chance wäre, dass Apple diesen Schritt zurücknimmt, aber das ist von dem arroganten Haufen, der sich hier – bei aller Begeisterung für die tollen technischen Geräte – von seiner widerlichsten Seite zeigt, wohl kaum zu erwarten.

Höchstrichterliche Sprüche wie dieser werden fast nie zurückgenommen wie bei gewissen Weltreligionen, in Nordkorea und beim Fußball, um noch halbwegs beim Thema Spiele zu bleiben.

Es gibt übrigens eine Frickel-Lösung, indem unter einem falschen Realnamen ein iTunes-Account eröffnet wird, hier habe ich das unter Duke Nukem 3D beschrieben. Mir persönlich ist das jedoch zu blöd, ich werde mich auf lokale WiFi- oder Bluetooth-Multiplayer-Games gegen real anwesende Persönlichkeiten beschränken, solange sich da nichts ändert. Ist eh lustiger.

Heise

DiePresse.com

Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass hiermit ein erster Schritt zum Ende der Anonymität von Spielern getätigt wurde.

Weitere Berichterstattung

Wikipedia

Rossau

Apple

21. März 2011. Noch schlimmer wird’s. Mac & i: Neue Bedingungen für Game Center. Daraus (Exzerpt):

Seit Ende November 2010 nutzt der iPhone-Hersteller den vollständigen Namen bereits für Freundschaftsanfragen, nun ist dieser auch rückwirkend für alle bereits als Game-Center-Freunde akzeptierte Personen einzusehen. Nutzer, die bereits in Game Center hinzugefügten Freunden ihren vollen Namen nicht offenlegen wollen, müssen “innerhalb von 24 Stunden” nach dem Akzeptieren der neuen Bedingungen diese Personen “entfreunden”. Alternativ bleibt die Option, den neuen Geschäftsbedingungen nicht zuzustimmen – dann lässt sich Game Center allerdings nicht mehr nutzen.

Not amused

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2 Antworten zu Apple ändert ‘Game-Center’-Geschäftsbedingungen und legt Realnamen offen

  1. robi schreibt:

    Die wohl wichtigste Frage wäre: Wie kann man dem wieder Wiedersprechen wenn man es schon zugelassen hat? Denn die meisten haben warscheinlich Automatisch auf “Akzeptieren” geklickt.
    Robi

  2. Pingback: Apple kündigt OS X ‘Lion’, iOS 5 und ‘iCloud’ an | Rossau

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