Zuviel Hype

iP_wht_sdNeues Betriebssystem, neues iPhone – und das alles fast gleichzeitig innerhalb weniger Tage. Die Informationsflut schwappt geradezu über. Update, Upgrade, Preise, Features, Tarife… Fast täglich ändern sich die Angaben, die Angestellten in den Shops und an den Hotlines der Mobiltelefonie-Netzbetreiber sind heillos überfordert.

Als kleines Beispiel Originalton Firma Orange Österreich vor wenigen Stunden: “Das neue iPhone 3G S mit 32 GB wird von der Firma Apple nicht in weiß hergestellt.” Tondokument der Rossau-Redaktion vorliegend. Nur zur Erinnerung: Vor fast zwei Wochen wurde das neue iPhone von Apple der Öffentlichkeit angekündigt.

Die Foren und Communities glühen, iPhone seit Tagen und Wochen bei Twitter in den zehn weltweit aktivsten Themen. Wer blickt da noch durch? Wer kann da noch folgen? Also uns reicht’s jetzt langsam. Eindeutig Overkill. Sogar mit jahrzehntelanger Internet-Erfahrung gelingt es uns auch mit größter Mühe nicht, die Informationen in gut oder böse, richtig oder falsch einzuteilen.

Dubiose unautorisierte Dateien geistern durch die Server, die MMS und Tethering bei zickigen und grenzenlos gierigen Providern kostenlos aktivieren sollen (Vorsicht: Es wäre kein Wunder, wenn dann eine hübsche Rechnung ins Haus flattert). Für das OS 3.0 auf dem iPhone 3G gab es schon einen Jailbreak, bevor es überhaupt rausgekommen ist… Alles, was hacken kann, tut es offenbar auf Teufel komm raus. Allerdings mehren sich auch die Hilferufe von jenen, bei denen gar nichts mehr funktioniert. Kein Wunder.

Apples zweifelhafter Umgang mit den Medien ist übrigens durchaus kritikwürdig und am vorherrschenden Chaos und an der äußerst mangelhaften Vorbereitung der Provider nicht unschuldig. Hier wird unterschieden zwischen Günstling oder nicht, zwischen englischsprachig oder nicht. Viele der objektiv und unabhängig scheinenden Web-Seiten und Blogs sind mit Apple kommerziell verbunden (Affiliates). Haus- und Hofberichterstattung wie in einer Monarchie!

Wir hier in der Rossau haben jedenfalls beschlossen, bei Konsumverzicht nichts zu versäumen (im Gegenteil), nichts zu kaufen (mein iPhone 3G war/ist teuer genug und hart an der Schmerzgrenze) und erst mal für mindestens zwei, drei Monate auf Urlaub zu gehen. :)

Das jüngste Betriebssystem-Update war eine willkommene Sache, bis auf den fabelhaften Software-Synth Noise.io funktioniert alles nach wie vor, wenn auch vergleichsweise (zum neuen Gerät) etwas lahm. (Für den Synth wurde ein Update versprochen; die Entwickler der äußerst komplexen Software haben halt wahrscheinlich einen von Apples strikt vorgegebenen Update-Terminen verpasst, in diesen Tagen durchaus verständlich.)

Das neue iPhone 3G S hätte ich zwar ganz gerne ausprobiert und dazu meine Erfahrungsberichte und Tipps kundgetan, aber die Upgrade-Preise bei Orange für meinen neun Monate alten Vertrag sind ziemlich jenseitig: Weit über 600 Euro laut Online-Shop “Orange Bonus Club” bei meinem letzten Besuch; und nein, ich werde jetzt nicht alle zwei Stunden oder Tage dort nachsehen, ob sich etwas geändert hat. Mehr Speed, bessere Kamera, Videoaufnahme und vor allem stärkere Akku-Leistung wären durchaus willkommen gewesen. (Keine Sorge, alles halb so wild, siehe bitte weiter unten…)

orange-angebot-ip3gs

Das großzügige Upgrade-Angebot der Firma Orange Österreich für ihre Stammkundschaft, eine offizielle Entsperrung (Provider-Unlock) des alten Geräts (damit man es mit ruhigem Gewissen verkaufen kann) ist nicht möglich.

Außerdem habe ich keine Lust, mein “altes” iPhone 3G womöglich gejailbreakt (laut Apple “illegal”) und mit Soft-Unlock (=von der Providerbindung gelöst, “frei für alle Netze”) bei derzeit stark fallenden Preisen für Gebrauchtgeräte zu verkaufen, – und beim nächsten OS-Update hat der Käufer dann ein funktionsloses Gerät in der Hand (falls er überhaupt einen Provider findet, der zahlreiche proprietäre iPhone-Funktionen wie Visual Voicemail auch ohne “iPhone-Pakete” o. Ä. unterstützt, – sehr schwer zu finden bzw. fast unmöglich). Das wäre nicht fair. Man kann nicht erwarten, dass sich anonyme Käufer damit auskennen. Und wenn ich es an Bekannte verkaufe, habe ich ebenfalls keine Lust, für die nächsten zwei bis fünf Jahre die iPhone-Servicestelle Nummer eins zu spielen.

Solange es da keine saubere Lösung gibt, kommt das für mich nicht in Frage, und man muss ja nicht bei jedem Hype mitmachen. Die Mobiltelefonie-Netzbetreiber entsperren keines ihrer Vertrags-iPhones vor Ablauf der Vertragszeit offiziell, – und selbst dann behandelt dieses Thema jeder Provider anders und ziemlich willkürlich und unkoordiniert. Aber wer fragt schon nach diesem wichtigen Punkt beim Kauf des Geräts? Und wer bekommt zu diesem Zeitpunkt eindeutige und verbriefte Auskünfte?

Für jene, die erwägen, sich an einen iPhone-Vertrag zu binden, haben wir leider auch keinen Tipp parat, welchen Provider sie wählen sollen. Auch wenn – wie in Österreich – offiziell sogar zwei zur Auswahl stehen, bleibt uns nur wieder mal festzustellen, dass die Netzbetreiber einer der größten Nachteile des iPhone sind (Details). Hierzulande hat man halt die Wahl zwischen Regen und Traufe, auch zählt Apple das Land Österreich im Gegensatz zu Spanien oder Italien nicht zu den “primären Märkten”, was etwa an der deutlich verzögerten Produkteinführung (und beileibe nicht nur daran) zu erkennen ist.

Das ist eine wirklich auffällige Diskrepanz zur sonstigen Ausstattung dieser Pocket-Computer, die man beim alltäglichen Gebrauch zu spüren bekommt! Die Netze sind weltweit zweite Wahl, was die technische Qualität anbelangt, und dafür hat Apple durchaus Verantwortung zu übernehmen! Neben diesen langjährigen und teuren Zwangsverträgen – in mehreren Ländern illegal und verboten, von vielen fast als kriminell eingeschätzt – durchaus ein Grund, sich einem anderen Hersteller zuzuwenden! In Zeiten, wo man in vielen Branchen ohne Handy nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Nicht nur die Qualität der Mobilfunknetze, sondern auch die Pflege von Bestandskunden lässt deutlich zu wünschen übrig… (S. o.) Es ist ausgesprochen frustrierend, womöglich ein paar Tage nach Abschluss des Zwangsbindungvertrags feststellen zu müssen, dass der Provider für Neukunden “die Grundgebühr auf Lebenszeit halbiert” (etwa Orange Österreich), ohne dass man auch nur die allergeringste Möglichkeit hat, innerhalb der nächsten vollen vierundzwanzig Monate umzusteigen oder auf anderen Wegen ähnlich zu profitieren. Man kommt sich als Stammkundschaft neben solch billig geköderten Frischlingen richtig bescheuert vor.

Aber letztere sollten sich nicht zu früh freuen: Offenbar geht es jedem so, ist nur eine Frage der Zeit. Im Grunde ist diese Vorgehensweise der mit Apple akkordierten Provider jedenfalls Bauernfängerei der übelsten Sorte.

Fast jeder iPhone-User sieht sich ständig nach Provider-Alternativen um, daher auch der sagenhafte “Erfolg” von Jailbreak-, Hacking-Blogs und einschlägigen Web-Seiten. Der Handel mit gebrauchten iPhones ist sehr undurchsichtig, wird von Apple nicht nur nicht unterstützt, sondern aufgrund der Geschäftsmodelle behindert (Konsumentenschutz?), ist daher sehr riskant und oft von Enttäuschungen begleitet. Diese Tatsachen sind beim Abwägen, ob Erwerb/Abonnement eines Neugeräts oder nicht, meiner bescheidenen Meinung nach durchaus in Betracht zu ziehen.

Bei diesen Spitzenpreisen darf man sich eigentlich Spitzenleistung in jeder Hinsicht erwarten! Das iPhone ist – bis auf ein paar diamantbesetzte Luxus-Exoten – das mit Abstand teuerste Consumer-Mobiltelefon der Welt und benötigt dringend ernstzunehmende Konkurrenz, damit die kurz aufgezählten zweifelhaften Hacks und der ungerechtfertigte und fast schon ein wenig hysterische Hype nicht überhand nehmen.

Nach meiner Einschätzung besteht die Gefahr, dass die Fangemeinde aufgrund dessen zu willfährigen Melkkühen wird. Und bevor ich mir da vorwerfen lassen muss, mit diesem Blog mitverantwortlich zu sein, werden die diesbezüglichen Aktivitäten deutlich heruntergefahren.

Mein kurzes Resümee nach neun Monaten iPhone 3G: Als reines Handy bedingt brauchbar durch kurze Akkulaufzeiten, mangelhafte Mobilfunknetze, listige, lästige und unvermeidbare (außer man tut sich die Jailbreakerei mit Soft-Unlock an) Bindung an äußerst durchschnittliche Provider. Als Pocket-Computer mit Online-Features bietet das Gerät mehr Spaß und Funktion als alles andere, jedoch zu exorbitant hohen Preisen (speziell wenn man technisch immer up-to-date bleiben will) und mit den gleichen Nachteilen wie die Telefonieabteilung.

Ein faszinierendes Luxus-Gadget, nicht mehr und nicht weniger, mit nur raren Kehrseiten zwar, die jedoch einem professionellen Einsatz stark im Weg stehen. Also irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Man staunt jeden Tag auf’s Neue, was das Teil könnte, wenn nur Akku und Netze leistungsfähiger und zuverlässiger wären. Das befriedigt auf Dauer nicht.

Bis sich die diesbezügliche Lage deutlich bessert, darf ich den geschätzten Rossau-Besuchern Walt Mossbergs ausgezeichneten Artikel Apple iPhone 3G S Is Better Model — Or Just Get OS 3.0 im Wall Street Journal empfehlen und allen weiterhin viel Spaß mit ihrem iPhone und iPod touch oder auch einem anderen Gerät wünschen!

Update: Kleines (?) Trostpflaster für jene, die auf ihrem lahmen, tauben und stummen 3G noch jahrelang sitzenbleiben müssen. ;) Erste Erfahrungsberichte weisen nämlich darauf hin, dass sich die neue “öl- und wasserabweisende Beschichtung” des 3G S längst nicht mehr so glatt anfühlt wie die alten iPhones (vor allem der Touchscreen), auch soll von einer “leichteren Reinigung” keine Rede sein können (oberflächlich: ja, gründlich: nein). Hab ich’s nicht befürchtet, als ich die Fotos zum ersten Mal sah..?

“S” wie “Speed” wird also eingeschränkt durch eine gallertartige Brems- und Dreckschicht für die Fingerkuppen. Ich habe im Artikel über das Clarifi Case deutlich darauf hingewiesen und beschrieben, wie leicht das alte iPhone 3G in allerkürzester Zeit hygienisch einwandfrei wie kein anderes Handy zu reinigen ist.

Update:

Weiterer kritischer Blog-Eintrag: Das Ende einer glücklichen Beziehung.

derStandard.at und New York Times: Misstrauen, Alarmleuchten und Fallen bei Apple – “Apples und Steve Jobs Geheimniskrämerei schwankt zwischen Kult und Unternehmensschädigung”. Oder wie es TUAW kurz, bündig und treffend ausdrückt: Apple: Paranoid.

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Wenigstens werden die iP3GS-User detailliert mit Prozentangaben informiert

Ausführlicher Test des iPhone 3GS bei iLounge. Von diesem unabhängigen Blog wird die absolut mangelhafte Batterielaufzeit heftig kritisiert: “In other words, the iPhone 3GS will last longest when you don’t use any of its heavily marketed new capabilities—a sign that a better battery, more efficient chips, or both are seriously needed.”

Wer also von den viel gepriesenen neuen Ausstattungsmerkmalen (Videoaufzeichnung, ressourcenhungrige Apps) Gebrauch machen will, sollte dafür sorgen, spätestens nach zwei, drei Stunden eine Lademöglichkeit zur Verfügung zu haben. Das kommt mir irgendwie bekannt vor, und auch diverse Foren-Postings bestätigen den schlimmen Verdacht.

Da hat sich also gar nichts geändert oder verbessert. Das diesbezügliche Gefasel der Firma Apple bei der Ankündigung des neuen iPhone kann man getrost als glatte Lüge bezeichnen oder zumindest als vorsätzliche Irreführung: Der technische Nennwert des Akkus mag vielleicht höher liegen, die upgegradeten Komponenten wie Haupt- und Grafikprozessor fressen den Vorteil jedoch überproportional auf.

Foren-Posting bei MacRumors.com:
“Ich habe mir nach meinem Original-iPhone (erste Generation, ‘2G’) das neue 3GS geleistet, und es ist eine Katastrophe: Der Akku hält nicht mal halb so lange als der in meinem fast zwei Jahre alten Gerät! Und das hat bestimmt nicht nur mit der energiehungrigen UMTS-Unterstützung zu tun.”

Wir freuen uns schon auf die zahlreichen Tipps in den 3GS-Fan-Blogs, wie man die neuen Features des Apple iPhone 3GS allesamt zuverlässig abstellt, um länger als einen halben Tag im antiken GPRS-Netz telefonisch erreichbar zu sein. ;)

Macworld (tatsächlich, normalerweise Werbefenster Nummer eins für Apple): Why I’m not upgrading to an iPhone 3GS.

Aber schön ist es schon (siehe Rossau-Foto ganz oben oder auch hier). Der nächste üble Verdacht bestätigt sich übrigens: In Österreich ist das iPhone 3GS 32GB weder bei Orange noch bei T-Mobile in der Farbe Weiß erhältlich. Und jetzt erkläre mal bitte jemand, warum das so ist. Nicht nur kein “primärer Markt”, sondern auch noch in der Auswahl gegenüber dem Rest der Welt stark eingeschränkt…

So. Ausgeheult. Musste auch mal sein.

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